EU AI Act Compliance: 12-Monats-Roadmap bis Dezember 2027

Praxis-Hinweis: Dieser Artikel ist praxisorientierte Compliance-Dokumentation, keine Rechtsberatung. Wir sind Compliance-Spezialist, keine Anwaltskanzlei. Für rechtsverbindliche Auskünfte konsultieren Sie eine zugelassene Rechtsanwältin oder einen Rechtsanwalt.

TL;DR

  • Drei Phasen: JETZT (AI Literacy + Verbote) — 08/2026 (Transparenz + FRIA + Anhang III rechtsverbindlich) — 12/2027 (nur falls Digital-Omnibus-Vorschlag angenommen)
  • Digital-Omnibus-Vorschlag 19.11.2025 [VOLATIL]: Trilog läuft, Verschiebung Anhang III auf 02.12.2027 NOCH NICHT beschlossen — bis zur Annahme bleibt 02.08.2026 rechtsverbindlich
  • 90 % der KMU sind reine Betreiber — keine Anbieter-Pflichten
  • AI-System-Inventar ist der Startpunkt — pro System: Risikoklasse, Rolle, Pflichten
  • Bußgelder bis 35 Mio. EUR / 7 % Umsatz bei verbotenen Praktiken (Art. 5)

1. Status EU AI Act 05/2026 + Digital-Omnibus-Vorschlag

Die KI-VO (Verordnung (EU) 2024/1689) ist seit 01.08.2024 in Kraft. Die Anwendung erfolgt phasenweise. Die EU-Kommission hat am 19.11.2025 den Digital-Omnibus-Vorschlag vorgestellt — Stand 02.05.2026 läuft der Trilog, eine Verschiebung der Hochrisiko-Fristen ist NICHT beschlossen. Geltend ist:

PflichtAnwendungsbeginn
Art. 4 (AI Literacy)02.02.2025 — bereits in Kraft
Art. 5 (Verbotene Praktiken)02.02.2025 — bereits in Kraft
GPAI (Art. 53–55)02.08.2025 — bereits in Kraft
Art. 50 (Transparenz, Watermarking)02.08.2026 — unverändert
Art. 27 FRIA (Kreditscoring + öffentliche Stellen)02.08.2026 — unverändert
Anhang III Hochrisiko-KI02.08.2026 rechtsverbindlich (Vorschlag DO: 02.12.2027 — nicht beschlossen)
Anhang I (regulierte Produkte)02.08.2027 (Vorschlag DO: 02.08.2028 — nicht beschlossen)
Wer keine eigene technische Dokumentation nach Anhang IV aufbauen will, findet im EU AI Act Kit eine vollständige Vorlage inkl. Risikomanagement und Konformitätserklärung.

2. Phase 1 (JETZT): AI Literacy + Verbote

Seit 02.02.2025 in Kraft — keine Übergangsfrist mehr.

3. Phase 2 (08/2026): Transparenz + FRIA

Kurzantwort: Ab 02.08.2026 greifen zwei zentrale Pflichten: Art. 50 verlangt maschinenlesbare Kennzeichnung KI-generierter Audio-, Video-, Bild- und Text-Inhalte, ausdrückliche Deepfake-Offenlegung sowie KI-Hinweise bei Chatbots. Art. 27 fordert eine FRIA für öffentliche Stellen und Privatakteure mit öffentlichen Aufgaben — insbesondere Kreditscoring (Anhang III Nr. 5b) und Lebens-/KV-Scoring (Nr. 5c).

Ab 02.08.2026:

4. Phase 3 (Hochrisiko-KI Anhang III ab 02.08.2026)

Ab 02.08.2026 (rechtsverbindlich; Vorschlag Digital Omnibus 19.11.2025: Verschiebung auf 02.12.2027 — Trilog läuft, noch nicht beschlossen):

5. KI-System-Inventar — der Startpunkt

Kurzantwort: Jede EU-AI-Act-Compliance startet mit einem KI-System-Inventar. Pro System sind sechs Felder zu erfassen: Name und Anbieter, Use Case, Rolle (Anbieter/Betreiber/beides), Risikoklasse (verboten nach Art. 5 / Hochrisiko nach Anhang III / GPAI / minimal), verarbeitete Datenarten inklusive besonderer Kategorien sowie Verantwortliche für Aufsicht und Eskalation.

Pro KI-System dokumentieren:

  1. Name + Anbieter: ChatGPT/Microsoft Copilot/eigene Lösung
  2. Use Case: Marketing-Texte, HR-Screening, Code-Generation
  3. Rolle: Anbieter / Betreiber / beides
  4. Risikoklasse: verboten (Art. 5) / Hochrisiko (Anhang III) / GPAI / minimal
  5. Datenarten: Welche personenbezogenen / besondere Kategorien?
  6. Aufsicht: Wer überwacht? Welche Eskalation?

6. Anbieter vs. Betreiber

Kurzantwort: Anbieter entwickeln oder bringen ein KI-System in Verkehr und tragen die Hauptpflichten (Konformitätsbewertung, Tech-Doku Anhang IV, EU-DB-Eintrag, Risikomanagement); rund 10 % der KMU sind Anbieter. Betreiber nutzen ein KI-System unter eigener Verantwortung (~90 % der KMU) und müssen bestimmungsgemäße Nutzung sicherstellen, Eingabedaten-Relevanz prüfen, Logs aufbewahren und ggf. eine FRIA durchführen. Bei substantial modification (Art. 25) wechselt der Betreiber in die Anbieter-Rolle.

AnbieterBetreiber
Wer?Wer ein KI-System entwickelt oder in Verkehr bringtWer ein KI-System unter eigener Verantwortung verwendet
KMU-Anteil~10 %~90 %
HauptpflichtenKonformitätsbewertung, Tech-Doku, EU-DB-Eintrag, RisikomanagementBestimmungsgemäße Nutzung, Eingabedaten-Relevanzprüfung, Logs aufbewahren, ggf. FRIA
Übergang AnbieterBei substantial modification (Art. 25)

7. 12-Monats-Aktionsplan

Kurzantwort: Der 12-Monats-Plan startet mit KI-Inventar, Art.-5-Screening und AI-Literacy-Schulung (Monat 1-2), gefolgt von Acceptable Use Policy (M3), GPAI-Compliance-Prüfung (M4-5), Art.-50-Transparenz-Workflow (M6), FRIA für Kreditscoring/öffentliche Aufgaben (M7), Risikomanagement-System nach Art. 9 sofern Anbieter (M8-9), Tech-Doku Anhang IV (M10-11) und Audit-Simulation plus GF-Briefing zur 12/2027-Bereitschaft (M12).

MonatAktion
Monat 1-2KI-System-Inventar + Art. 5-Screening + AI Literacy-Schulung
Monat 3Acceptable Use Policy für KI, Anbieter/Betreiber-Klärung pro System
Monat 4-5GPAI-Bestand + Code of Practice-Compliance prüfen
Monat 6Art. 50 Transparenz-Workflow (Watermarking, Chatbot-Hinweise)
Monat 7FRIA für relevante Use Cases (Kreditscoring, öffentliche Aufgaben)
Monat 8-9Risikomanagement-System (Art. 9) sofern Anbieter
Monat 10-11Tech-Dokumentation Anhang IV vorbereiten
Monat 12Audit-Simulation, GF-Briefing zur 12/2027-Bereitschaft

8. Budget & Aufwand

Kurzantwort: Der Aufwand skaliert mit der Rolle: Reine Betreiber im KMU-Segment liegen bei rund 0,2 FTE über 4 Monate (5.000-20.000 EUR plus Schulung), Hochrisiko-Betreiber bei 0,5 FTE × 6 Monate (zusätzlich 15.000-40.000 EUR), Hochrisiko-Anbieter bei 1 FTE × 12 Monate inkl. Konformitätsbewertung (50.000-200.000 EUR) und GPAI-Anbieter bei 2-5 FTE × 12 Monate (250.000-1.000.000 EUR).

RolleInitial-Aufwand (FTE)Kosten-Schätzung
Reiner Betreiber (KMU)0,2 FTE × 4 Monate5.000-20.000 € + Schulung
Hochrisiko-Betreiber0,5 FTE × 6 Monate+15.000-40.000 €
Hochrisiko-Anbieter1 FTE × 12 Monate + Konformitätsbewertung50.000-200.000 €
GPAI-Anbieter2-5 FTE × 12 Monate250.000-1.000.000 €

Häufig gestellte Fragen

Was muss ich JETZT (Stand 04/2026) tun?
Drei Sofort-Pflichten: (1) AI Literacy nach Art. 4 — Schulungs-Pflicht seit 02.02.2025. (2) Verbots-Screening Art. 5 — sicherstellen, dass kein eingesetztes KI-System verbotene Praktiken durchführt. (3) GPAI-Bestandsaufnahme — welche GPAI-Modelle nutzen wir, welche Pflichten als Betreiber? AI-System-Inventar als Grundlage.
Welche Pflichten würden durch Digital Omnibus verschoben?
Stand 02.05.2026: Die EU-Kommission hat am 19.11.2025 den Digital-Omnibus-Vorschlag vorgestellt — Trilog läuft, NICHT beschlossen. Geplant: Anhang III (Hochrisiko-KI in HR, Bildung, Strafverfolgung) Verschiebung von 02.08.2026 auf 02.12.2027; Anhang I (regulierte Produkte) auf 02.08.2028. UNVERÄNDERT: Art. 4, Art. 5, GPAI-Pflichten, Art. 50 Transparenz. Bis zur Annahme bleibt 02.08.2026 die rechtsverbindliche Frist.
Wann muss FRIA durchgeführt werden?
Art. 27 EU AI Act: für öffentliche Stellen sowie für private mit öffentl. Aufgaben (z.B. Kreditscoring nach Anhang III Nr. 5b, Lebens-/KV-Scoring nach 5c). Termin 02.08.2026 — vom Digital-Omnibus-Vorschlag (19.11.2025) NICHT betroffen. Einsatz im HR-Recruiting (Anhang III Nr. 4a) ab 02.08.2026 (Vorschlag DO: Verschiebung auf 12/2027 — noch nicht beschlossen).
Anbieter oder Betreiber — was bin ich?
Wenn Sie ein KI-System unter eigenem Namen entwickeln/in Verkehr bringen → Anbieter (Art. 3 Nr. 3). Wenn Sie es 'unter eigener Verantwortung' verwenden (z.B. ChatGPT für interne Zwecke) → Betreiber (Art. 3 Nr. 4). 90 % der KMU sind reine Betreiber.
Substantial Modification — wann werde ich zum Anbieter?
Nach Art. 25 EU AI Act bei wesentlicher Änderung des Zwecks oder der Funktionalität ODER bei Inverkehrbringen unter eigenem Namen. Beispiel: RAG-System auf GPAI-API gebaut und als 'KI-Assistent für Recht' vermarktet → Anbieter-Pflichten greifen.
Reicht ISO 42001 als AI-Act-Nachweis?
ISO 42001 (AI Management System) deckt einen Großteil ab — insbesondere Art. 9 (Risikomanagement), Art. 17 (QMS). Nicht enthalten: Konformitätsbewertung (Art. 43), EU-DB-Eintrag (Art. 49), FRIA (Art. 27), GPAI-Code-of-Practice. Sinnvoller Baustein, kein Vollersatz.
Was kostet AI-Act-Compliance?
Reiner Betreiber (90 % der KMU): 5.000-20.000 EUR Initial-Setup + AI Literacy-Schulung (~3.000-10.000 EUR). Hochrisiko-Betreiber: zusätzlich 15.000-40.000 EUR für FRIA, Logging, technische Doku. Hochrisiko-Anbieter: 50.000-200.000 EUR (Konformitätsbewertung). Compliance-Kit EU AI Act Kit: einmalig 490-1.490 EUR.
Bußgelder — wie hoch?
Drei Stufen: Art. 99(3) Verbote nach Art. 5 bis 35 Mio. EUR / 7 % Umsatz. Art. 99(4) Hochrisiko-/Operator-Verstöße inkl. Art. 4 AI-Literacy bis 15 Mio. / 3 %. Art. 99(5) Falsche/unvollständige Info an Behörden bis 7,5 Mio. / 1 %. KMU/Start-up-Privileg (Art. 99(6)): niedrigerer Wert wird angesetzt.

Quellen

Stand: 02.05.2026

  1. Verordnung (EU) 2024/1689 (KI-Verordnung) — EUR-Lex DE-Volltext (Stand: 02.05.2026)
  2. AI Act Art. 99 — Bußgeld-Tier 35M/15M/7,5M (Service Desk) (Stand: 02.05.2026)
  3. AI Act Art. 27 — FRIA-Pflicht (gilt ab 02.08.2026)
  4. AI Act Art. 51 — GPAI-Schwellwert 10²⁵ FLOPs
  5. EU-Kommission — Digital-Omnibus-Vorschlag (Stand: 02.05.2026, Trilog läuft)
  6. GPAI Code of Practice (Kommission) (Stand: 02.05.2026)

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